Frühjahrstagung der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (ÖGHO)

Wels, 27. April 2006

Komplette Remission nach Viertlinientherapie Ludwig Wimmer
Lenalidomid (Revlimid®) beim Multiplen Myelom und Myelodysplastischem Syndrom Johannes Drach
Effektive Zweitlinientherapie beim Multiplen Myelom mit Bortezomib (Velcade®) Johannes Drach
Bortezomib - In Patients with Renal Failure [PDF, Englisch] Heinz Ludwig

Univ. Prof. Dr. Johannes Drach

Medizinische Universität Wien
Univ. Klinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Onkologie
Programmdirektor für Multiples Myelom und maligne Lymphome

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Lenalidomid (Revlimid®) beim Multiplen Myelom und Myelodysplastischem Syndrom

Zusammenfassung der wissenschaftlichen Sitzung im Rahmen der Frühjahrstagung der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (ÖGHO) in Wels, 27. April 2006

Dieses Symposium wurde mit der Zielsetzung abgehalten, aktuelle Daten betreffend Lenalidomid beim Multiplen Myelom (MM) und Myelodysplastischen Syndromen (MDS) zu diskutieren sowie den aktuellen Stand der Verfügbarkeit von Lenalidomid kennenzulernen.

Zunächst gab Herr Prof. Ludwig einen Überblick über die Studiendaten von Lenalidomid beim MM. Herausragend sind dabei zwei Phase III-Studien, welche in den USA sowie in Europa durchgeführt wurden und sehr übereinstimmende Ergebnisse gezeigt haben. Bei beiden Studien wurde Lenalidomid plus Dexamethason mit Dexamethason (+ Placebo) bei vorbehandelten Patienten mit MM verglichen. Remissionsdaten, die Zeit bis zur Progression sowie die Gesamtüberlebenszeit waren im Behandlungsarm mit Lenalidomid + Dexamethason signifikant besser als mit Dexamehason. Obwohl Lenalidomid eine Nachfolgesubstanz von Thalidomid darstellt, ergeben sich relevante Unterschiede zwischen diesen beiden Substanzen: Einerseits scheint die Effektivität von Lenalidomid höher zu sein als jene von Thalidomid; z. B. findet sich bei zumindest 60% der Thalidomid-resistenten Patienten noch ein Ansprechen auf Lenalidomid. Andererseits liegt auch ein unterschiedliches Nebenwirkungsspektrum vor: Lenalidomid führt nicht zur Polyneuropathie und hat im Tiermodell keinerlei fruchtschädigende (teratogene) Wirkung. Blutgerinnsel im venösen System (Thrombembolien) werden beobachtet, wenn auch in etwas niedriger Häufigkeit als mit Thalidomid; aus diesem Grund wird eine Thromboseprophylaxe empfohlen. Die Hauptnebenwirkung von Lenalidomid besteht in einer Veränderung des Blutbildes, vor allem mit Erniedrigung der weißen Blutkörperchen (Neutropenie) und auch der Blutplättchen (Thrombopenie). Prof. Ludwig stellte abschließend auch einige Daten vom letzten Meeting der American Society of Hematology (ASH) im Dezember 2005 vor. Diese Studien untersuchten Kombinationen von Lenalidomid mit anderen etablierten Substanzen der Myelomtherapie (vielfach sehr frühe Ergebnisse, welche im Laufe dieses Jahres sicherlich erweitert werden). Erste Patienten wurden auch im Rahmen von Studien im Stadium der Erstlinienbehandlung mit Lenalidomid bzw. mit einer Kombination von Lenalidomid plus Melphalan/Prednison therapiert. Bei einer Gruppe von 29 unbehandelten MM Patienten ergab sich bislang eine Remissionsrate von 90%, darunter 18% von Patienten mit einer kompletten Remission. Diese Daten bedürfen natürlich einer Bestätigung, und das Schema von Lenalidomid plus Melphalan/Prednison ist für eine Prüfung als Phase III Studie vorgesehen.

Prof. Gisslinger stellte im Anschluss in seinem Beitrag einen Fallbericht einer Patientin, welche im weit fortgeschrittenen Stadium mit Lenalidomid behandelt wurde, vor. In dieser Phase des therapierefraktären MM (mit assoziierter Amyloidose) kam es innerhalb einer sehr kurzen Behandlungsphase mit Lenalidomid plus Dexamethason zu einer Remission der Erkrankung. Diese Beobachtung ist in Übereinstimmung mit einem Bericht vom letzten ASH-Meeting, wo die Effektivität von Lenalidomid bei primärer Amyloidose gezeigt wurde.

Ken Watters (Repräsentant der Firma Celgene in Europa) berichtete dann über die veröffentlichten Daten von Lenalidomid beim MDS. Dabei war vor allem die Wirksamkeit von Lenalidomid bei MDS Patienten mit einer besonderen Chromosomenveränderung (Deletion von Chromosom 5q) auffallend (signifikante Verbesserung der Blutbildwerte und Reduktion der Notwendigkeit für Bluttransfusionen). Diese Ergebnisse führten zur Zulassung von Lenalidomid für diese MDS-Entität in den USA, die Zulassung in Europa wurde beantragt.

Im folgenden Beitrag berichtete Ken Watters über die geplanten Studien. Von unmittelbarer Relevanz für Österreich ist dabei die geplante Phase IIIb-Studie für vorbehandelte MM-Patienten. Lenalidomid wird im Rahmen dieser Studie zur Verfügung gestellt und es wird primär die Verträglichkeit dokumentiert. Alle Myelomzentren sollen daran teilnehmen können, der beginn ist für September 2006 zu erwarten. Weiters ist eine internationale Phase III Studie geplant, welche bei unbehandelten Patienten (und ausserhalb der Indikationsstellung für eine Stammzell-Transplantation) Lenalidomid plus Melphalan/Prednison mit Melphalan/Prednison alleine vergleichend untersuchen wird. Auch hier ist die Teilnahme österreichischer Zentren vorgesehen. Schliesslich wird auch noch an einem Programm gearbeitet, welches die Verfügbarkeit von Lenalidomid noch vor der Zulassung für Patienten ohne andere Therapieoption ermöglichen soll. Obwohl Lenalidomid nicht teratogen ist, wird in den USA ein Sicherheitsprogramm wie bei Thalidomid angewandt. Ein solches Programm soll in Europa jedoch nicht eingeführt werden, da dies letztlich eine Behinderung des Zugangs zum Medikament darstellen würde. Es wurde besprochen, ein stark vereinfachtes Sicherheitsprogramm zu berücksichtigen, welches im wesentlichen den Vorsichtsmaßnahmen wie bei Chemotherapie entsprechen soll.

Zusammenfassend liegen somit eindeutige Daten vor, welche Lenalidomid als weitere besonders aktive Substanz für die Behandlung von Patienten mit MM belegen. Die schon bald bevorstehende Verfügbarkeit von Lenalidomid im Rahmen von verschiedenen Studienprogrammen ist gleichzeitig eine besonders erfreuliche Nachricht für MM Patienten in Österreich!