Patientenseminar am Klinikum Innenstadt der LMU München
(München, 15.Dezember 2005)

ein Beitrag der SHG Myelom Hilfe München


Referent: PD Dr. Christian Straka

Dr. Straka informierte die mehr als 20 Anwesenden über die neuesten Daten vom ASH-Kongress in Atlanta (10. – 13. Dez.05), dem weltweit größten Kongress für Hämatologen. Die ausführlichen Abstracts der vorgestellten Tagungsbeiträge sind im Internet in der Zeitschrift „Blood“, Nr.106, 2005, unter dem jeweiligen Autor nachzulesen. Enthalten sind dort auch die genauen Angaben über die Dosierung in der Therapie, Therapiedauer und Nebenwirkungen. Das MM (Multiples Myelom)genießt momentan sehr viel Aufmerksamkeit, deshalb gibt es auch viele Studien zu den Therapien mit einem weiten Spektrum von Ansätzen. Die zentrale Frage lautet: Was ist der Standard in der Therapie, was sind die essentiellen Fortschritte der Forschung ? Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen, auch für Fachleute ist es sehr schwierig den Überblick zu behalten. Die allogene Transplantation (Fremdspende) wurde kaum behandelt, vermutlich weil es im Gegensatz zur Leukämie beim MM kaum ermutigende Ergebnisse gibt.

Grundsätzlich ist bei der Bewertung von Ergebnissen immer auch folgendes zu beachten:
a) Wie lange dauert die Therapie in der Studie (von ein paar Wochen bis über 1 Jahr)?
b) Wie viele Patienten sind oder waren in der Studie?
c) Wie hoch ist die Ansprechrate?
d) Konnten alle Patienten die vorgesehene Therapie durchführen?
e) Gibt es Todesfälle?

Vorgestellt wurden zunächst Studien zu Revlimid (=Lenalidomid), einem synthetischen Abkömmling des Thalidomids.

1.) Phase III-Studie mit 351 Rezidiv-Patienten (Dimopoulus, M. et al.)
Dexamethason 40 mg/Tg. 1-4, 9-12, 17-20 alle 28 Tage, ab 5. Zyklus nur noch Tag 1-4
Revlimid 25 mg/Tg. 1-21; alle 28 Tage

Nebenwirkungen:wenig Neuropathien, aber Blutbildung vermindert (Neutropenie) Abfall der Leukozyten, damit Infektionsge-fährdung.

Verglichen wurde dabei (siehe Tabelle untenstehend)

Die Studie ist noch nicht abgeschlossen aber es ist abzulesen, dass mit Revlimid eine weitere Therapieoption zur Verfügung steht.

Die Zulassung ist wg. der Vorgeschichte von Thalidomid (Contergan) nicht unproblematisch, erwartet wird sie derzeit für die 2.Hälfte 2006.

Die erste Studie in Deutschland läuft multizentrisch in Berlin, Heidelberg und Würzburg. Evtl. kommt ab Februar auch München (Klinikum Innenstadt) dazu, dann könnte sich die Möglichkeit ergeben, Revlimd auch außerhalb der Studie zu erhalten.

Dex + Revl. vs. Dex + Placebo
13,3 Monate 5,1Monate Therapieversagen
58% 22% Ansprechrate
16,5% 1,2% Neutropenie (schwer)
8,5% 4,5% thromboembolische Ereignisse

2.) Revlimid bei neudiagnostizierten Patienten (Rajkumar et al.)

34 Patienten mit medianem Alter von 64 Jahren (Therapieschema s. o.)

Ansprechrate 91 % ; Komplette Remission (CR) 6% ; sehr gute partielle Remission 32%; Allerdings traten bei 47% (!) nicht-hämatologische Toxizitäten (z.B. Infektionen, Verstopfung, Thrombosen, Müdigkeit, Kopfweh) auf.

3.) Bortezomib (Velcade) als Primärtherapie, Phase II-Studie (Jagannath et al.)

50 Patienten mit unbehandeltem MM; medianes Alter 58 J. (recht jung)

Ansprechrate 85% nach 6 Behandlungszyklen
Nebenwirkungen (Grad 2 – 4; 4 ist sehr schwerwiegend, führt teilweise zum Therapieabbruch, bzw. Therapieänderung)
> Neuropathie 26%
> Müdigkeit 22%
> Verstopfung 17%
> Neutropenie 14%

Die anschließende Stammzellsamm-lung verlief aber ohne Probleme

d.h. es liegt hier ein passables Nebenwirkungsprofil vor, daher ist die Überlegung, dass Bortezomib in die Induktionstherapie (vor Stammzellsammlung und HD ) eingebracht werden sollte.

4.) Therapie bei älteren Patienten, die keine HD und Stammzelltransplantation mehr bekommen (Altersgrenze verschiebt sich für HD allerdings immer weiter nach oben) medianes Alter 74 (65-85 J)/60 Patienten (Mateos et al.)

Als Therapie gab man MP (Melphalan und Prednisolon) und Velcade. Allerdings Velcade mit einem Zyklus von 5 Wochen (8 Spritzen alle 4 Tage mit anfangs 1,0 , später 1,3 mg/m2 Körperoberfläche) insgesamt waren 9 Zyklen vorgesehen alle 5-6 Wochen (damit 1 Jahr Therapiedauer); den Patienten wurden median 3 Zyklen (zw.1 – 9 ) verabreicht.

Ansprechrate 85%; CR 28% (damit etwa soviel wie bei einer HD-Therapie) Nebenwirkungen: Grad 3 oder 4:

d.h. diese Therapie ist nicht unbedingt ein Ersatz für Hochdosis (HD), da dort das Todesrisiko „nur“ zw. 1 – 2% liegt. Die HD sollte immer primär geprüft werden, ob sie möglich wäre (sonst evtl. Probleme bei der Stammzellsammlung). Alle anderen Therapieoptionen sind danach trotzdem möglich.

5.) Vergleich von MP und Thalidomid bei unbehandelten Patienten (Palumbo et al.) aus Italien

255 Patienten älter als 65 J., medianes Alter 72 Jahre

MP MP+Th. (100mg Th./pro Tg.)
48% 76% Ansprechrate
7% 28% fast kompl. Remission
14 Monate 33 Monate Progressionsfreie Zeit
65% 82% 2 Jahresüberleben
(aber nicht signifikanter Untersch.)
Nebenwirkungen
2% 12% Thromboembolie
1% 10% Infektionen
1% 10% Neuropathie

Insgesamt waren die Nebenwirkungen so hoch (25% zu 49%), dass nicht alle Patienten die vorgesehenen 6 Zyklen bekommen konnten.

6.) Phase III-Studie aus Frankreich IFM (Facon et al.)

436 Patienten, Alter 65 – 75 Jahre verglichen wurden
MP 12 Zyklen zu 6 Wochen = 1,5 Jahre !
MPT (Thalidomid bis max. 400 mg)
und Mel 100 = mittlere Tandem-Hochdosis mit Stammzelltranspl.(SZT)

MP MPT Melphalan 100
191 124 121 Anzahl Patienten
17,1 Monate 27,6 Monate 19 Mon. Progressionsfrei
30,3 Monate > 55 Mon. 38,6 Mon. Med. Überleben

Dieses überraschende Ergebnis hängt möglicherweise damit zusammen, dass 37% der Patienten die vorgesehene HD nicht bekommen haben. Daher sind die schlechten Ergebnisse im HD-Arm erklärlich.

7.) Erhaltungstherapie bei MM-Patienten < 65 Jahre IFM 99/02

Die Patienten hatten alle VAD 3 – 4x und Mel 140 gefolgt von Mel 200 als Tandem-HD erhalten. Insgesamt wurden 780 Patienten erfasst; wenn sie nach 2 Monaten noch keine erneute Progression zeigten kamen sie in die Studie.

197 Pat.
ohne Behandlung vs.
194 Pat.
Aredia vs.
197 Pat. Aredia
+ 100mg. Thalid.
65% 26% 24% Skeletereignisse
27 Monate 28 Mon. 38 Mon. Keine Progression
83% 78% 78% > als 3 J. Überleben

Die Ergebnisse sprechen für eine Bisphosphonatbehandlung und zusätzlich Thalidomid, wenn es gut vertragen wird, auch wenn die Überlebensrate nicht verändert wird. Es bleibt eine individuelle Entscheidung des Arztes und des Patienten

Abschließend wurden noch einzelne Fragen der Anwesenden beantwortet.

Alle Teilnehmer wollten, dass diese Art der Patienteninfo auch in 2006 fortgesetzt wird. Dr. Straka erklärte sich dazu bereit und wird mit Herrn Filipp entsprechend neue Termine vereinbaren.

Mit einem Präsent bedankte sich die Gruppe beim Referenten für die Zusammenarbeit im letzten Jahr.